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Honeymoon sieht anders aus

  • Autorenbild: nicolagrote
    nicolagrote
  • 17. Juni 2024
  • 5 Min. Lesezeit

Beim Recherchieren der Unterkunftsmöglichkeiten auf Hannas Radreise hatte ich gelesen, dass es in Holland und Belgien viele Campingplätze mit Holzhäusern zum Mieten gibt. Anfangs überlegte ich, ob Hanna ein Zelt mitnimmt, entschied mich aber wegen der begrenzten Gepäckmenge dagegen. Bisher hat Hanna, außer in der schmierigen Absteige bei dem Psycho, nur angenehme Unterkünfte gefunden. Mittlerweile ist sie über die belgische Grenze geradelt. Kurz vor Peer sieht Hanna eine Ausschilderung zum Campingplatz und will dort ihr Glück versuchen.

Vor dem Schreiben dieser Szene hatte ich mir verschiedene Videos über Campingplätze in Belgien angeschaut und auch über diesen, den Hanna nun ansteuert. Wie ihr wisst, versetze ich mich beim Schreiben immer so sehr in die jeweilige Situation und in die Figuren, dass ich alles im Detail vor mir sehe und miterlebe. So radle ich also mit Hanna durch ein Waldgebiet auf einer kleinen Straße in Richtung Campingplatz. Weit und breit ist kein Auto in Sicht, ich schaue immer wieder in die Baumgipfel links und rechts, lausche dem Vogelgezwitscher. Ansonsten absolute Stille. Noch weiß ich nichts über den weiteren Handlungsverlauf. Und dann sehe ich plötzlich ein Tandem am Straßenrand liegen. Ich weiß nicht, wie ich darauf komme, ich bin noch nie Tandem gefahren, kenne auch niemanden mit einem Tandem.. Jetzt sehe ich in meinem Kopfkino einen Mann und eine Frau auf der Straße, die beide wild gestikulieren. Beim Näherkommen stellt sich heraus, dass sie sich streiten. Die zwei beschimpfen sich auf Deutsch. Der Mann wirkt riesig groß neben der Frau. Sie stehen an der Gabelung, von der ein Weg zum Campingplatz abbiegt. Was für eine absurde Situation, denke ich. Wie sollen zwei zusammen Tandem fahren, wenn sie so offensichtlich im Clinch liegen. Und was macht Hanna jetzt? Sie kehrt doch nicht um? Und dann schreibt es sich wie von selbst. Ich tippe in den Laptop, was ich gerade wie einen Film vor mir sehe und höre.

"Scheiß Idee mit dem Tandem!" Die Frau reißt sich den Helm vom Kopf. "Ich kann das nicht mit dir!" "Weil du dein eigenes Ding fährst! Aber das geht nicht! Wir müssen im gleichen Takt treten." Der auffallend große, dünne Mann fuchtelt mit seinen ebenfalls auffallend großen Händen in der Luft herum. "Ich steig da nicht mehr drauf", brüllt sie ihn an.

Wie reagiert Hanna? Die beiden haben sie noch nicht bemerkt. Aber kurz bevor Hanna an ihnen vorbei fahren will, sieht die Frau sie und ruft "Hallo!" Hanna ist jetzt auf einer Höhe mit ihnen, ruft "Hallo" zurück und will zum Campingplatz abbiegen. "Bist du Deutsche?" Die Frau winkt ihr zu. Hanna hört auf zu treten. "Fährst du zum Campingplatz?" Hanna zögert, bremst und kommt zum Stehen. "Ja, warum?" Die Frau macht in Richtung ihres Partners eine hektische, auffordernde Handbewegung. "Nun, mach schon!" Er schüttelt den Kopf.

Ich höre auf zu tippen. Und was, wenn die Beiden diese Situation nur vorspielen, in Wirklichkeit aber einen Überfall planen und Hanna ausrauben wollen? Sie sind unbeobachtet, da ist niemand, der Hanna helfen könnte. Aber dann denke ich, nein, der Fokus liegt auf dem Tandem. Es Ist viel spannender, wie die Weiterfahrt mit dem uneinigen Pärchen funktionieren kann.

Jetzt sagt die Frau zu Hanna: "Ich habe eine Bitte an dich." Ihre Stimme klingt weich. Und Hanna, die schon losfahren wollte, bleibt stehen. "Ich bin Klara." Sie zeigt auf ihren Partner, der wegschaut. "Und das ist Leo." Sie stockt und mir, der Autorin, kommt eine glänzende Idee und ich schreibe: "Wir haben vor fünf Tagen geheiratet, und das ist", die Stimme der Frau bricht, "unsere Hochzeitsreise.." Jetzt fängt sie an zu weinen. "Aber", nun schluchzt sie so heftig, dass sie nicht weiterreden kann, wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht. "Mensch, Klara, stop it." Riese Leo schnipst mit den Fingern. "Nein!" Klara stampft mit ihrem pinkfarbenen Schnürstiefel auf. "Leo und ich. Es funktioniert einfach nicht." "Weil du dich nicht anpassen willst. Das ist das Problem." Hanna schaut betreten auf den Boden. Will am liebsten schnell weg hier. "Unsere Energie strömt nicht im Gleichklang. Wir können nicht zusammen fahren." Klara schluchzt.

Jetzt tut Klara mir richtig leid.

"Wir sind schon ein paarmal gestürzt." Leo deutet auf sein blutverkrustetes Knie und seinen verschrammten Ellbogen. "Dabei ist es so einfach, genau wie beim Tanzen. Einer führt, aber beide bewegen sich im gleichen Takt."

Und nun tut Leo mir auch leid. Nein, Hanna kann unmöglich einfach weiterradeln. Ich tippe:

"Kannst du mit ihm fahren? Und ich auf deinem Rad?" Mit den von Tränen verschmierten Mascara-Spuren auf ihren Wangen sieht Klara wie ein trauriger Clown aus. "Nur bis zum Campingplatz. Bitte." Klara sieht Hanna an, als hinge ihr Leben von Hannas Entscheidung ab.. Hanna sagt: "Ich bin noch nie Tandem gefahren." Leo fragt, wie sie heißt. "Das kriegen wir hin, Hanna. Das kriegen wir hin."

Ich mache eine kurze Pause, informiere mich erstmal bei Google wie das Tandemfahren genau funktioniert, bevor ich die Szene weiterschreibe.

Leo erklärt Hanna, dass sie hinter ihm sitzen muss und man diese Position "Stroker" nennt. Hanna ist die Mitfahrerin und braucht sich nur auf Leos Rhythmus zu konzentrieren. und mit ihm synchron treten. Sie darf nicht lenken und nicht bremsen. Wenn gebremst werden muss, macht Leo das als "Pilot". Auch das Schalten in einen anderen Gang wird von ihm übernommen. Er wird ihr aber jeweils rechtzeitig Bescheid geben. Hannas Beine zittern, als sie aufs Tandem steigt. Klara sagt, sie fährt mit Hannas Rad hinter ihnen her. Und so setzen sie sich in Bewegung. Leo radelt im mittelmäßigen Tempo, und Hanna tritt im Gleichtakt mit. Anfangs verkrampft und höchst konzentriert, aber dann wird sie lockerer. Die Reifen knirschen auf dem festen, sandigen Belag, und hinter sich hört Hanna Klara gelegentlich seufzen. Ab und zu drückt sie die Muh-Klingel, die sich komisch anhört, mitten im Wald, zusammen mit dem Rauschen der Blätter in den Baumkronen und dem mehrstimmigen Vogelgezwitscher. "Vorsicht", ruft Leo. Hanna achtet auf sein langsamer werdendes Tempo, passt sich an, er bremst, Hanna hört auf zu treten, und sie kommen am Eingang des Campingplatzes zum Stehen. Mit weichen Knien steigt Hanna ab, Leo klopft ihr auf die Schultern. "Super gemacht!" Hanna übernimmt wieder ihr Rad. Klara gibt Hanna Küsschen auf die Wangen. "Du hast mich gerettet." Sie legt mit einem theatralischen Gesichtsausdruck die Hand aufs Herz. Hanna muss an Pia denken. Leo streckt den Daumen hoch. "Du bist die ideale Tandempartnerin, Hanna."

Ich höre auf zu schreiben. Denke darüber nach, dass Tandemfahren für Paare in Beziehungskrisen eine Therapiemöglichkeit sein könnte, und ein Tipp für Eheberatungen. Jeder nimmt einmal die Position als Pilot ein und ebenso die Position als Stoker. Eine Sache des Vertrauens. Der Stoker darf nicht lenken, nicht bremsen, keine Gänge schalten, muss sich auf den Piloten verlassen. Umgekehrt muss der Pilot Rücksicht auf das eingeschränkte Sichtfeld und Handeln des Stokers nehmen. Wie würde das wohl bei Hanna und Martin klappen? Angenommen, Hanna wäre der Pilot? Würde sie sich das zutrauen? Ich bin etwas unschlüssig, tendiere aber eher zum Ja. Und Martin als Stoker? Könnte das gutgehen? Bei der Vorstellung überwiegen meine Zweifel. Spannender Beziehungstest, dieses Tandemfahren. Könnte ich auch mal, außerhalb von Hannas Geschichte, in meinem privaten Umfeld ausprobieren.

Aber jetzt konzentriere ich mich wieder auf Hanna und ihre Ankunft auf dem Campingplatz. Gibt es ein Häuschen zu mieten für sie? Und was wird mit Klaras und Leos Honeymoon? Es war Leos Idee mit dem Tandem, sollte eine Überraschung sein. Er dachte, Klara findet dies Art von Hochzeitsreise cool. Leo konnte nicht ahnen, dass das total in die Hose geht und Klara nur heult, sich beklagt und schlecht drauf ist. "So habe ich mir das nicht vorgestellt", sagt Leo zu Hanna. "Honeymoon sieht anders aus."

Da muss ich ihm recht geben und bin gespannt, wie das mit ihrem Honeymoon weitergeht. Denn das weiß ich zu dem Zeitpunkt selber noch nicht. Ich liebe diese Ungewissheiten, dieses Nicht-wissen-wie-es weitergeht - nicht unbedingt im wahren Leben, aber auf alle Fälle beim Schreiben.

 
 
 

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